Lektion 1 - Farbformen der Kornnatter

Viele Kornnatterhalter kaufen sich anfangs irgendeine beliebige Farbvariante, oder sogar gleich mehrere verschiedene. Erst nach einiger Zeit kommt dann der Zuchtgedanke auf und die Frage, die sich zuerst stellt, ist: "Welche schönen Farbvarianten kann ich mit meinen Schlangen denn überhaupt züchten?"

Leider lautet die Antwort meist: nur wildfarbene Tiere!

Aber warum ist das so? Bevor wir hierzu die Gesetze der Genetik angehen ist es wichtig, die Grundlagen der Farbformen zu kennen und zu verstehen.

Stellt euch folgende Fragen:

1.        Welche Farben "trägt" eine wildfarbene Kornnatter?

2.        Was kann mit den Farben geschehen, damit die Kornnatter optisch variiert?

Das Schuppenkleid von Reptilien ist meist mehrfarbig. Eine wildfarbene Kornnatter trägt die Farbe Gelb/Orange als Grundfarbe, Rot als Farbe der Sattelflecken, Schwarz als Umrandung der Sattelflecken und Farben der Bauchzeichnung. Alle Farbvarianten entstehen ausschließlich aus diesen drei natürlichen Grundfarben und deren Abweichungen. So kann z.B. niemals eine grüne oder blaue Kornnatter gezüchtet werden, da diese Farben im genetischen Code und den Pigmenten der Kornnatter nicht vorkommen. Zu vergleichen ist dies mit der menschlichen Haarfarbe: Es gibt schwarzes, blondes (gelbes) und rotes Haar. Alle natürlichen Haarfarben setzen sich aus diesen drei Farben zusammen (mal heller, mal dunkler), weil die Farbpigmente in den Haaren einfach keine anderen Farben erzeugen können. Im Alter verblasst die Pigmentierung und alle Haarfarben werden grau.

Eine Kornnatter, bei der alle naturgegebenen Grundfarben (schwarz, rot und gelb) sichtbar sind, nennt man demnach Wildfarben. Sieht man sich mehrere wildfarbene Kornnattern nebeneinander an, erkennt man, dass dennoch jede vom Muster und der Farbgebung her einzigartig ist. Die Erscheinung hängt hier zudem von der Intensität der einzelnen Farben und dem Zeichnungsmuster, z.B. der Breite der Sattelflecken und deren Umrandung, ab.

Setzen wir diese Faktoren in wissenschaftliche Begriffe um, erklärt sich der Ursprung vieler Bezeichnungen der verschiedenen Farbvarianten. Wir wissen nun, die Kornnatter trägt nur drei Farben, welche folgende wissenschaftliche Bezeichnungen tragen:

 

Schwarz

=

Melanin


Rot

=

Erythrin

Gelb

=

Xanthin

 

Die verschiedenen Farben der Haut werden durch Pigmente erzeugt. Diese Pigmente befinden sich in Farbzellen (sog. Chromatophoren, auch Pigmentzellen genannt).

Chromatophoren enthalten Zytoplasma, in dem sich Farbstoffe befinden. Xanthophoren und Erythrophoren enthalten Carotinoide (gelb/orange) und Pterine (rot). Melanocyten - Zellen, die Melanine synthetisieren; erzeugen in den Melanophoren rötlich-braun bis schwarzen Farbstoff.

Die Farbzellen werden nach ihrer farblichen Eigenschaft bezeichnet als:

1.        Melanophoren - enthalten schwarze Pigmente (Melanin)

2.        Erythrophoren - enthalten rote Pigmente (Erythrin)

3.        Xanthophoren - enthalten gelbe Pigmente (Xanthin)

Neben den Farbzellen entstehen Farberscheinungen noch durch kleine Strukturveränderungen in der Haut (sog. Strukturfarbe, z.B. mikroskopische Fältchen, Bläschen oder Hohlräume). Diese physikalischen Veränderungen beeinflussen die Lichtbrechung, so dass für den Betrachter bestimmte Farben nicht oder abgewandelt sichtbar sind. Eingelagert sind diese Strukturveränderungen meist in eigenen Zellen, die Iridophoren (Strukturzellen) genannt werden. Bei Reptilien enthalten diese Iridophoren zudem kleine farblose Kristalle. Diese Kristalle bestehen z.B. aus Guanin, daher werden sie auch Guanophoren genannt. Innerhalb dieser Zellen wird das Licht derart gebrochen, dass ausschließlich weiß bis leicht grün-bläulich schimmernde Farbanteile zurückgeworfen werden. Aus der Kombination von Chromatophoren und Iridophoren entstehen die verschiedenen Farbvarianten der Kornnatter.

Die drei Grundfarben können in vier Punkten variieren:

1.        Eine Farbe kann "normal" vorhanden sein

Wenn eine Farbe normal vorhanden ist, hat dies keine besondere wissenschaftliche Bezeichnung. Diese wildfarbene Variante wird einfach als Wildfarben oder Normal bezeichnet.

2.        Eine Farbe kann fehlen

Fehlt eine Farbe, (ist also nicht sichtbar), schreibt man ein "A-" vor die fehlende Farbe.

-           Eine Schlange, der die schwarzen Farbpigmente fehlen, nennt man also A-Melanistisch (von dem Begriff Melanin).

-           Fehlt rot, bezeichnet man dies mit A-Erythristisch (von dem Begriff Erythrin). Zur Erleichterung der Aussprache wurde noch ein "N" dazwischen gesetzt, also A-N-Erythristisch.

-           Fehlt gelb, bezeichnet man dies mit A-Xanthic (von dem Begriff Xanthin).

Zwischen Vorhandensein und nicht Vorhandensein gibt es einen On/Off Mechanismus. Dieser kommt jedoch nur bei den Farben schwarz und rot vor, das heißt schwarz und rot können "abgeschaltet" werden. Bei gelb klappt dies leider nicht im On/Off Verfahren, dazu aber später mehr.

3.        Eine Farbe kann blasser/reduziert sein

Das reduzierte (blassere) Vorhandensein einer Farbe nennt man Hypo- (altgriechisch "unter") in Verbindung mit der betroffenen Farbe. Hypo-Melanistisch bedeutet also ein reduziertes Schwarz.

4.        Eine Farbe kann kräftiger, bzw. verstärkt sein

Zeigt sich eine Farbe besonders stark, bezeichnet man dies als Hyper- (altgriechisch "über") in Verbindung mit der betroffenen Farbe. Hyper-Erythristisch bedeutet also ein kräftiges, sattes Rot.

 

Folgende Tabelle gibt einen Überblick:

 

Natürlich gefärbt = Classic/ Wildfarben
Kein Schwarz = A-Melanistisch
Kein Rot = A-N-Erythristisch
Kein Gelb = A-Xanthisch
Reduziertes Schwarz = Hypo-Melanistisch
Reduziertes Rot = Hypo-Erythristisch
Reduziertes Gelb = Hypo-Xanthisch
Verstärktes Schwarz = Hyper-Melanistisch
Verstärktes Rot = Hyper-Erythristisch
Verstärktes Gelb = Hyper-Xanthisch

 

Die beschriebene Einteilung der Farbformen nach Natur- (Normal), A-, Hypo- und Hyper- kann man an der Schlange sehen. Merkmale, die man optisch an der Schlange erkennen kann, nennt man Phänotyp (sichtbarer/beobachtbarer Typ; Englisch = phenotype).

 

Bei Kornnattern kann eine dieser Farberscheinungen alleine vorkommen, z.B. das Fehlen von Rot (A-N-Erythristisch), es kann aber auch jede beliebige Kombination der Farberscheinungen auftreten.


Beispiele

Einer Snow fehlt sowohl die rote als auch schwarze Farbe, sie ist zugleich Anerythristic und Amelanistic .

 

 

Einer Ghost fehlt ebenfalls das Rot, sie zeigt aber noch blasses/reduziertes Schwarz. Demnach ist Ghost eine Kombination aus Anerythristic und Hypomelanistic.

 

 

Einer Butter fehlt sowohl der rote als auch schwarze Farbstoff. Die Farbe Gelb ist verstärkt. Sie ist demnach eine Kombination aus Amelanistic, Anerythristic und  Hyperxanthic*.
 

*(Anerythristic+Hyerxanthic = eigenständiges Gen "Caramel", dazu später mehr)

 

 


 

Eine Annmerkung an dieser Stelle: Viele Halter und Züchter verwenden fälschlicherweise den Begriff Nominat für ein Wildfarbenes Tier und Albino für das Fehlen einer Farbe. Diese Bezeichnungen sind falsch, bzw. nur teilweise richtig. Die Nominatform bezeichnet keine Farbe, sondern ist ein Begriff aus der Biologie und wird für eine Unterart verwendet, deren Unterartnamen mit dem Artnamen identisch sind. Nominatformen tragen damit stets den selben Art- und Unterartnamen, bei der Kornnatter z.B. Pantherophis Guttatus. Somit sind alle artreinen Kornnatter-Farbzuchten Nominatformen.

 

 

 

Amelanistische Tiere werden oft als "Red-Albinos" (rot-Albino), Anerythristische Tiere als "Black-Albinos" (schwarz-Albino) verkauft. Die Bezeichnung Albino ist falsch, da Reptilien in ihren Pigmentzellen mehrere Farben bilden. Albino wäre eine Schlange, der alle Farbpigmente fehlen. Bei den Varianten Amelanistic und Anerythristic fehlt aber jeweils nur eine Farbe, sie sind also allenfalls teilalbinotisch. Als Züchter sollte man sich also angewöhnen, die fachlich richtige Bezeichnung für die Tiere zu verwenden.

 

Wir wissen nun, wie die verschiedenen Farbvarianten optisch (phänotypisch) entstehen. Zusammenfassend wäre die phänotypische Erklärung einer Farbvariante also folgendermaßen: Snow und Blizzard sind Farbvarianten, bei denen optisch Rot und Schwarz fehlen. Eine Butter ist eine Farbvariante, bei der optisch ebenfalls Rot und Schwarz fehlen aber zusätzlich Gelb verstärkt wird.


Als nächstes stellt sich die Frage, wie die fehlenden, reduzierten und verstärkten Farben züchterisch überhaupt beeinflusst werden. Eine der wichtigsten Verständnisprobleme bei der Zucht ist die Unterscheidung zwischen Gendefekt und Auswahlzucht.


  • Gendefekt bedeutet, dass in den Erbanlagen eine Information (genetisches Rezept) fehlt bzw. verändert ist. Fehlt beispielsweise die Information (nennen wir es mal "Code") um Rot zu erzeugen, kann die Schlange keine rote Pigmentierung bilden. Gendefekte arbeiten nach dem On/Off Prinzip (z.B. Amelanistischer Gendefekt: Defekt vorhanden = kein Schwarz, Defekt nicht vorhanden = normal Schwarz). Die Medizin spricht in diesem Fall von Mutation (lat. mutare = verändern/tauschen), einer Veränderung des Erbgutes. Es gibt spontane Mutationen (z.B. plötzlich auftretende Behinderungen), durch äußere Einflüsse indizierte Mutationen (z.B. durch schädliche Strahlung) und vererbbare Mutationen. Bei den vererbbaren Mutationen unterscheidet man zwischen Raster- und Punktmutation. Bei der Punktmutation wird lediglich eine organische Base im genetischen Code verändert. Die Mutation betrifft quasi nur die Veränderung eines Gens, das Gen selbst bleibt aber erhalten. Die Rastermutation führt zum Einschub oder Entfernen einer Base und verändert somit die gesamte Struktur des Gens. Deshalb hat die Rastermutation weit höhere Auswirkungen als die Punktmutation. In der Regel handelt es sich bei den Mutationen (Gendefekten) der Kornnatter-Farbzucht um Punktmutationen.
  • Auswahlzuchten hingegen wurden durch gezielte Verpaarung der Tiere mit bestimmten optischen Eigenschaften gezüchtet. Eine Auswahlzucht arbeitet nicht nach dem On/Off Prinzip, sondern erfordert zum Teil jahrelange Verpaarungen. Tiere mit dem gleichen Merkmal, z.B. eine möglichst helle Grundfarbe, werden selektiert und immer wieder untereinander verpaart.


Beispiel

Normalerweise ist der Hintergrund einer Amelanistic Gelb/Orange. Möchte man nun den Hintergrund möglichst hell gestalten, muss man aus einem Gelege immer die Tiere mit der hellsten Hintergrundfarbe verpaaren, aus dem darauf folgenden Gelege wieder die hellsten usw. Mit der Zeit entsteht so die Farbvariante Candy Cane. Genetisch ist Candy Cane also eine Amelanistic, deren heller Hintergrund durch Auswahlzucht immer weiter verfeinert wurde. Für eine hellere Ausgangsbasis, wird Candy Cane auch oft über Miami Phase, einer wildfarbene Lokalform, gezogen.

Umgesetzt auf den Menschen würde das so aussehen:

Kinder sehen oft einem Elternteil sehr ähnlich z.B. der Vater hat eine enorm lange Nase. In einer Familie gibt es jetzt beispielsweise 4 Kinder, von denen 2 ebenfalls eine außerordentlich lange Nase haben. Würden nun die langnasigen Kinder untereinander heiraten und Kinder bekommen, wären mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kinder der zweiten Generation noch "langnasiger" als die Eltern. Bekommen diese wiederum miteinander Kinder, können diese sich dann Pinocchio nennen. Das Beispiel ist absurd, verdeutlicht aber das Prinzip der Auswahlzucht.


Kommen wir zurück zu unserer Frage: Welche schönen Farbvarianten kann ich mit meinen Schlangen denn überhaupt züchten?


Zuerst ein unwissenschaftlicher Erklärungsansatz, um in das Prinzip der Vererbungslehre einzusteigen. Wir wissen, Mutter Natur hat die Kornnatter mit drei Farben ausgestattet. Diese drei Farben hat die Natur nicht willkürlich gewählt, sondern jede Farbgebung verfolgt einen gewissen Zweck. Bei der Kornnatter dient die Farbe und Zeichnung zur Tarnung in der freien Wildbahn. Gezüchtete, leuchtende Farbvarianten wären in der Natur vor Fressfeinden ungeschützt und hätten somit schlechtere Überlebenschancen. Die Natur strebt daher immer zum Idealmaß zurück!


Zu diesem Zeitpunkt sollten man sich die Erbinformationen als eine Art "Bauplan des Lebens" vorstellen. Dieser Bauplan enthält, wie ein Computerprogramm den Code, wie das spätere Endresultat aussehen soll. Der Teil des Codes, der für eine bestimmte Farbe (z.B. rot) verantwortlich ist, kann mehrere Zeilen umfassen und ist nicht von einem einzigen Parameter abhängig. Nennen wir es einfach Modul Rot. Anders formuliert: Der genetische Teilcode für Rot ist ein eigenständiges Rezept mit mehreren Zutaten. Ein 5-Gänge-Menü besteht aus mehreren Gängen mit einzelnen Rezepten für jeden Gang. Alle Rezepte fügen sich durch richtige Umsetzung zu einem gesamten Menü zusammen.


Der gesamte Code für eine neue Generation ist in den Erbinformationen (Genen) der Eltern gespeichert und wird an die Nachkommen weitergegeben. Ist der Code fehlerhaft, fehlt z.B. die Angabe einer Zutat für das Rezept rot, versucht die Natur diesen fehlenden Code zu reparieren (wiederherzustellen). Die Natur braucht dazu allerdings eine Vorlage von den Eltern.


Verpaart man also zwei Kornnattern, die beide den gleichen Gendefekt haben, kann die Natur diesen nicht reparieren da sie keine Originalvorlage mehr hat. Die Nachkommen tragen diesen Defekt dann weiter. Verpaart man aber eines dieser defekten Elternteile mit einer Kornnatter, die diesen Defekt nicht aufweist, holt sich die Natur den fehlenden Code vom intakten ("genetisch-gesunden") Elterntier zurück.

 

Beispiel

Eine Anerythristische Kornnatter weist durch einen Defekt kein rot mehr auf, d.h. den Erythrophoren fehlt der Code (bzw. die Angabe einer Zutat im Rezept) für die Farberzeugung. Verpaart man diese Anerythristic nun mit einer wildfarbenen, erzeugen die Nachkommen alle wieder Rot da die fehlenden Erbinformationen wieder "aufgefüllt" wurden.

ODER eine Anerythristische Kornnatter, diesmal verpaart mit einer Amelanistic: Die eine erzeugt kein Rot, die andere erzeugt kein Schwarz! Da aber beide zusammen den gesamten Code tragen, sich also gegenseitig reparieren können, sind auch hier alle Nachkommen ebenfalls wieder wildfarben. Die Anerythristic gibt den Code für Melanin und die Amelanistic den Code für Erythrin an die Nachkommen weiter.

ODER eine Anerythristische Kornnatter verpaart mit einer Snow Kornnatter: Wir erinnern uns, Snow ist eine Kombination aus Amelanistic und Anerythristic. Da sowohl der Anerythristic als auch der Snow der Code für die Farbe Rot fehlt, kann dieser Fehler nicht repariert werden. Allerdings kann die Anerythristic das fehlende Schwarz bei der Snow reparieren. Den Nachkommen fehlt weiterhin die Farbe Rot, aber sie haben schwarz und sind demnach alle Anerythristic.

 


Bis zu dieser Stelle sollte nun klar sein, dass die Farbvarianten durch die vier möglichen Variationen (Normal, A-, Hyper-, Hypo-) der Farbe erzeugt werden. Diese Variationen kann man durch gezielte Auswahlzucht und Defekte in den Erbinformationen (Gendefekte) hervorrufen. Jetzt kommt die dicke Hürde: fehlendes rot ist nicht gleich fehlendes rot! Wie ansatzweise schon dargestellt, wird die Erzeugung der Farbe Rot nicht durch ein Parameter alleine gesteuert, sondern durch mehrere. Das Fehlen von rot, d.h. ein Fehler im Code, kann an mehreren Stellen der Erbinformationen geschehen. Das Rezept für rot enthält mehrere Zutaten. Fehlt auch nur die Angabe einer Zutat, wird kein rot erzeugt. Ist bei einem Computerprogramm auch nur eine Codezeile fehlerhaft, läuft das gesamte Programm nicht oder stürzt ab.


Der Phänotyp Aneryhthristic kann daher durch verschiedene Defekte in den Erbinformationen für die Farbe Rot erzeugt werden. Fehlt ein Glied der Informationskette, kann die Farbe Rot nicht mehr gebildet werden - und hier beginnt auch schon die Krux mit der Farbbezeichnung.


Zu Beginn der Farbzucht wurde ein Defekt entdeckt, der die Produktion der roten Pigmente unterbindet. Man nannte diesen Gendefekt dann nach der phänotypischen Auswirkung als Anerythristic-Gen (also ein Gendefekt, welcher eine anerythristische Kornnatter erzeugt). Nach einigen Jahren hat man aber einen weiteren Defekt gefunden, der ebenfalls das Rot verschwinden lässt. Man benannte diesen Defekt dann Anerythristic-Gen Typ B und den zuvor entdeckten als Typ A. Irgendwann wurde es den Züchtern mit der ABC Durchnummerierung zu dumm, woraufhin nur noch das erste Anerythristic-Gen (Typ A) auch wirklich als Anerythristic bezeichnet wurde. Typ B erhielt den eigenen Namen Charcoal. Ähnlich verhält es sich mit den Gendefekten, die Hypomelanismus auslösen. Hiervon sind mittlerweile 6 bekannt und alle haben einen eigenen Namen, jedoch phänotypisch sehr ähnliche Auswirkungen.


Farbvarianten werden durch minimale Fehler in den Erbinformationen erzeugt. Diese Fehler kann man nicht manuell erstellen, kleine Fehler kommen in der Natur vor. Die Farbzucht ist einzig und allein dadurch entstanden, dass man diese Fehler zufällig entdeckt hat. Nachdem Amelanistic durch Zufall entdeckt wurde, sind die Leute scharenweise in die Wildnis gegangen und haben nach auffälligen, wilden Kornnattern gesucht, getragen von der Hoffnung weitere (sich auf die Farbe und Zeichnung auswirkende) Gendefekte zu finden. Wer die Grundlagen bis hierher verstanden hat, wird von allein darauf kommen, dass natürlich neben den farblich auswirkenden Gendefekten (nennen wir sie Farbdefekte) auch andere Defekte (z.B. organische Fehlfunktionen, Herzfehler, Missbildungen) in der Natur vorkommen. Ebenso wie die Farbdefekte werden auch diese an die Nachkommen vererbt und genau an dieser Stelle setzen die Kritiker der Farbzucht an! Ursprung einer "neuen" Farbe ist meist ein einzelnes Tier aus der Wildnis. Aus diesem einen Tier werden immer mehr Nachzuchten produziert. Um schnell auf große Nachzuchtzahlen und Profit zu kommen, wird übermäßige Inzucht betrieben. Hatte dieses Tier jedoch neben dem Farbfehler auch noch andere Defekte, verbreiten auch diese sich zwangsläufig.


Folgende Tabelle gibt einen Überblick, welche Gendefekte bisher bekannt sind, wie diese benannt wurden und auf welche Farbe sie wirken. Alle Farbvarianten entstehen durch Kombination dieser Defekte und ggf. zusätzlicher Auswahlzucht. Im Cornpedia bezeichne ich diese einzelnen Defekte als Basisgendefekte. Sie wurden in der Cornpedia-Übersicht in der linken Spalte zusammengefasst. Kombinationsvarianten aus mehreren Gendefekten stehen in der rechten Übersichtsspalte.

 

Schwarz (Melanin)

Fehlt

Amelanistic

Reduziert

Hypomelanistic

Lava

Christmas

Sunkissed

Strawberry

Ultra*

 

 

*Hybrid-Gen

 

Rot (Erythrin)

Fehlt

Anerythristic

Charcoal

Lavender

Kastanie

Ashy/Cinder

Caramel*

Verstärkt

Bloodred*

 


Gelb (Xanthin)

Verstärkt

Caramel*

 

 

*Bloodred betrifft nicht ausschließlich rot. Strenggenommen ist die Farbvariante Bloodred eine Auswahlzucht auf Basis des Diffused-Gens. Die Bezeichnung Bloodred wird jedoch sehr oft als Synonmy für das Diffused-Gen verwendet.
*Caramel wirkt optisch zugleich Anerythristisch als auch Hyperxanthisch.


Zurück zum Thema: Da jetzt auch noch unterschiedliche Defekte den gleichen Phänotyp erzeugen können (siehe erste Tabelle), macht die Farbzucht noch etwas komplizierter, aber auch interessanter! Nach dem oben genannten Prinzip, einen Codedefekt zu reparieren, können jetzt selbst phänotypisch gleich aussehende Schlangen in einigen Fällen ebenfalls nur wildfarbene Nachkommen erzeugen.


Beispiel

Wie schon beschrieben fehlen sowohl einer Snow als auch einer Blizzard die roten und schwarzen Farben. Bei der Snow ist allerdings das Anerythristic-Gen für das fehlende Rot verantwortlich und bei der Blizzard das Charcoal-Gen. Beide Gene verursachen im Modul Rot unterschiedliche fehlende Angaben, haben aber das gleiche Ergebnis (siehe erste Tabelle).

Verpaart man Snow und Blizzard, repariert die Natur die fehlenden Codeschnipsel für Rot aus den Erbinformationen beider Elterntiere wieder und die Nachkommen sind alle wieder normal rot gefärbt. Da für beide Farbvarianten (Snow und Blizzard) jedoch Amelanistic für das fehlende Schwarz verantwortlich ist, haben auch die Nachkommen alle diesen Gendefekt. Fazit: Aneryhristic wird repariert, Amelanistic übertragen. Die Nachzuchten sind alle phänotypisch Amelanistic.


Dieses Naturmotto "Zurück zum korrekten Idealmaß" trifft sowohl bei Defekten als auch bei der Auswahlzucht zu. Bei Defekten wird, wie eben beschrieben, der gesamte Defekt repariert, bei Auswahlzuchten die Eigenschaft (das Maß). Wird also eine aufwendig, jahrelang gezüchtete, helle Hintergrundfarbe mit einer normalgefärbten Amelanistic verpaart, dann holt die Natur das Idealmaß der roten Färbung zurück. Da beide Elternteile diesen Defekt tragen, sind alle Nachkommen zwar Amelanistic aber wieder annähernd normal rot gefärbt. Noch einmal mit Hilfe unseres Rezeptbeispiels formuliert: Durch jahrelange Backerfahrung hat eine Bäckerin das Rezept verfeinert und gibt etwas mehr Zucker und weniger Salz in die Teigmischung. Der Lehrling, der streng nach Rezept arbeitet, hält sich an die Originalangaben. In der Mischmaschine wird der Teig beider zusammengekippt. Das Endergebnis ist also weder das Original, noch das verfeinerte Rezept, es liegt irgendwo dazwischen. Ist der Teig einmal gemischt kann er auch nicht mehr in die Variation der Bäckerin oder des Lehrlings getrennt werden.


Ihr seht also, Farbzucht ist quasi ein Kampf gegen die Natur und wenn man nicht weiß, was man tut, ist die Natur immer der Sieger!


 

So weit, so gu. Wenn ihr das bis hierhin verstanden haben, kennt ihr nun die elementaren Grundlagen der Kornnatter-Farbzucht. 

 

 

 

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