Überwinterung und Winterruhe

Die Winterruhe nennt man "Hibernation". Dies kommt aus dem lateinischen hibernare = überwintern (Wortstamm von Hiems = Winter). Sie hängt von verschiedenen Faktoren, z.B. den Beutetieren und klimatischen Bedingungen, ab. Im Süden der USA (Region Florida) ist es das ganze Jahr relativ warum. Floria hat ca. 360 Sonnentage im Jahr. Im Norden (z.B. New York) kann es dagegen extrem kalt werden. In den Nachrichten wird schon mal von den Blizzards, den berühmten Schnee- und Eisstürmen, berichtet. Diese kommen vor allem im Norden der USA vor.

Da viele der Beutetiere wegen Futtermangel in den Winterschlaf gehen, zieht sich auch die Kornnatter in ein Versteck zurück und ruht während der Wintermonate. Dadurch erleidet sie in dieser Zeit keinen Hunger und schützt sich vor dem Erfrieren. Schlangen sind poikilotherm, dass heißt wechselwarme Tiere. Sie produzieren keine eigene Körperwärme sondern nehmen diese von der Umgebung und den Sonnenstrahlen auf. Im strengen Winter kann die Schlange keine Temperatur aufbauen und würde eingehen. So unterschiedlich wie die klimatischen Regionen, in denen die Kornnatter lebt, desto unterschiedlich ist auch die Art und Länge der Winterruhe. Im Norden kann diese bis zu 4 Monate und im Süden nur 2-3 Monate dauern. Auch passt sich die Kornnatter den individuellen jährlichen Gegebenheiten an. Ist es ein besonders kalter und früh einbrechender Winter, schläft die Kornnatter früher und länger. Ist der Winter dagegen kurz und sehr mild, macht sie vielleicht gar keine Winterruhe. Man erkennt hier wieder die faszinierende Anpassungsfähigkeit und Robustheit der Kornnatter.

Mit Herbsteinbruch verzichten die Kornnattern, unabhängig von der Temperatur, auf Nahrung. Sie suchen sich nun ihre Überwinterungsplätze. In wärmeren Regionen sind dies hohle Bäume und verrottete Laubhaufen. In kälteren Regionen tiefe frostsichere Erdhöhlen oder Spalten und Löcher im unteren Wurzelbereich der Bäume.

Aus diesen unterschiedlichen, natürlichen Überwinterungszeiten sind auch in der Terraristik verschiedene Strategien der Überwinterung entstanden. Man unterscheidet zwischen einer warmen und kalten Überwinterung, dazu später mehr.

In der Winterruhe bildet das Männchen die Spermien und das Weibchen die Eizellen aus. Obwohl auch Gelege ohne Winterruhe zustande kommen, die Tiere also auch ohne Winterruhe fortpflanzungsfähig sind, sollen Gelege von überwinterten Tieren zahlenmäßig größer sein und weniger unbefruchtete Eier (sog. Wachseier) haben.

Einige Tiere legen jedoch ohne Winterruhe keine Eier. Ob dies von den verschiedenen regionalen Ursprüngen oder einer inneren Uhr abhängt, ist unklar. Ebenso ob das Männchen oder das Weibchen die Ursache ist. Bei einigen Farbvarianten tritt dies sporadisch auf, bei anderen jedoch auffällig häufig.

Beobachtet wurde auch, dass bei langen Wintern oder erneute Kälteperioden, wie z.B. im Winter 2005/2006, viele Gelege deutlich kleiner als normal und mit häufigen Wachseiern ausfielen. Die kann Zufall sein und müsste über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Das Phänomen der schlechten Gelege war jedoch auffallend häufig in diesem Jahr. Spekulativ wird angenommen, dass trotz laborativ kontrollierter Bedingungen im Terraium, andere Faktoren wie z.B. Luftdruck oder Luftfeuchtigkeit von den Tieren wahrgenommen und antizipiert wird.

In der Literatur wird daher der gesundheitliche Aspekt einer Überwinterung ganz klar in den Vordergrund gestellt. Tiere, die regelmäßig überwintern, sollen gesünder sein und länger leben. Die Winterruhe ist im natürlichen Biorhythmus der Tiere verankert, sie dient der Ruhe und Regeneration. In dieser Zeit werden die Körperfunktionen drastisch heruntergefahren. Die Atem- und Herzfrequenz geht deutlich runter und die Verdauung wird vollständig eingestellt. Während dieser Zeit ist die Schlange inaktiv, nur alle paar Tage sucht sie eine Wasserquelle zum trinken auf. Deshalb sollte auch in der Winterruhe immer frisches Wasser bereit stehen und regelmäßig gewechselt werden. Wird eine Winterruhe nicht ordentlich durchgeführt, kann dies ernsthafte Folgen haben und sogar zum Tod des Tieres führen. Ist zum Beispiel die Temperatur zu warm, kann die Schlange ihre Körperfunktionen nicht reduzieren und ist sehr aktiv. Da sie aber kein Futter aufnimmt, wird sie durch diese Aktivität sehr viele Fettreserven verlieren und sehr geschwächt aus der Winterruhe kommen. Achten sie deshalb im Bodengrund auf Lauf- bzw. Kriechspuren, welche auf eine zu hohe Aktivität hinweisen.

 

Grundvoraussetzungen

Um eine Winterruhe überhaupt erfolgreich durchführen zu können, muss das Tier gesund sein. Durch die stark reduzierten Körperfunktionen ist die Kornnatter den Viren, Würmer oder Bakterien fast schutzlos ausgeliefert und könnte eingehen. Ein Gesundheitscheck mittels Kotprobe ist daher eine gute Möglichkeit, derartige Gefahren einzugrenzen.  Außerdem ist eine gute Konstitution notwendig, d.h. ausreichende Fettreserven und Fitness, um die lange Futterpause auszugleichen. Sollten Sie diese Vorraussetzungen nicht einwandfrei bejahen können, rate ich von einer Winterruhe ab. In seltenen Fällen kommt es leider trotz idealer Vorraussetzungen zu Todesfällen aufgrund der Winterruhe. Entweder wurden Krankheiten nicht erkannt oder andere unbekannte Faktoren haben zugeschlagen. Dies ist zwar äußerst selten, soll jedoch an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.

 

Keine Winterruhe?

In einem momentan stark kritisierten Buch wird eine Winterruhe als nicht notwendig erachtet. Der Autor argumentiert über die Tatsache, dass einige wildlebende Kornnattern ebenfalls regelmäßig keine Winterruhe machen. Zum Beispiel in der Region Miami und den Florida Keys. Durch die jahrzehntelange Verpaarung von Kornnattern unterschiedlicher Regionen wüsste man ja nicht mehr, ob bzw. ob nicht die Schlange ursprünglich aus diesen Regionen stammt.

Eine derartige Argumentation ist meines Erachtens nicht korrekt! Auch wenn Kornnattern in bestimmten Regionen mit besonders milden Wintern keine Winterruhe machen, so ist es doch eindeutig, dass eine Winterruhe im natürlichen Biorhythmus der Kornnatter verankert ist. Auch betrifft dies nur einen Bruchteil des Verbreitungsgebietes der Kornnatter. Selbst in Terrarienhaltung wird der aufmerksame Terrarianer oft eine Veränderung in der Fress- und Bewegungsfreudigkeit während der Wintermonate feststellen. Einige Kornnattern verweigern die Futteraufnahme in dieser Zeit oder sind ohne Winterruhe nicht fortpflanzungsfähig. Selbst Züchter aus der Region Miami bzw. Fort Meyers, z.B. Bill & Kahty Love, betreiben eine mehrmonatige Winterruhe. In der englischsprachigen Fachliteratur wird dies auch in jedem Fall empfohlen. Auch für eine nachweislich aus der Region Miami stammende Kornnatter ist eine Winterruhe nicht schädlich. In Gegenteil, die positiven Effekte sind wesentlich höher. Grundvoraussetzung für eine Überwinterung ist allerdings, dass das Tier wie oben erläutert gut genährt und gesund in die Winterruhe geht. Um keine Verluste zu erleiden, ist allerdings bei kranken und geschwächten Tieren ein Aussetzen der Winterruhe anzuraten.

 

Überwinterung von Jungtieren

In der Natur können sich die im Spätsommer geschlüpften Tiere leider nicht aussuchen ob sie eine Überwinterung machen oder nicht. Mit Einbruch des Winters müssen sie sich ein frostsicheres Versteck suchen. Nur die kräftigsten werden diese erste Winterruhe überleben. In der Terraristik ist die Gefahr durch bessere Kontrolle des Klimas reduziert, dennoch werden es schwache Tiere schwer haben. Selbst bei einer kontrollierten Winterruhe ist die Gefahr für junge Kornnattern groß denn sie haben viel weniger Substanz und keine Reserven. Um dieser natürlichen Auslese entgegenzuwirken, werden Jungtiere im ersten Lebensjahr in der Regel nicht in Winterruhe gesetzt. Ein weiterer entschiedener Vorteil ist, dass die Jungtiere durchgefüttert werden und daher ohne Winterruhe schneller an Substanz zulegen. Damit haben sie jährlich einen Futtervorteil von 6-8 Wochen, sind schneller aus dem Gröbsten raus und erreichen früher die Zuchtreife.

 

Vorbereitungen

Die Winterruhe wird durch stufenweises Herabsetzten der Beleuchtungsdauer und dem Einstellen der Fütterung eingeleitet. Mindestens 1 Monat vor der Winterruhe sollte kein Futter mehr angeboten werden. Für die Zeit der Winterruhe muss der Magen und Darm leer sein. In dieser Zeit hat die Schlange keine Verdauungstätigkeit, Futterreste könnten dann im Körper faulen. Die Schlange würde daran eingehen. Einige Tage vor der Winterruhe kann daher ein warmes Bad helfen, die Schlange zum Ausscheiden der letzten Kotreste zu animieren. Frisches Wasser wird immer, auch während der Winterruhe, zur Verfügung gestellt.

Das Herunterfahren der Temperatur sollte sich über 2-3 Wochen ziehen. Als Zeitpunkt für den Beginn der eigentlichen Winterruhe wird meistens Mitte Dezember angestrebt. Dies bedeutet, Anfang November erfolgt die letzte Fütterung und ab Mitte bis Ende November wird die Temperatur gesenkt. So wie die Tage im Winter immer kürzer werden, wird auch die Beleuchtungszeit immer weniger. Mitte Dezember sollte dann alles ausgeschaltet werden. Während der Überwinterung sollte die Kornnatter außerdem im Dunkeln sitzen. Häufiges Licht würde die Schlange irritieren und evtl. an einen baldigen Frühlingseinbruch glauben lassen.

 

Ort, Temperatur und Länge

Für eine normale (kalte) Überwinterung ist das Ziel laut Bill & Kathy Love eine Temperatur zwischen 7-18 ˚C über einen Zeitraum von 60-75 Tagen zu halten. In anderen Büchern findet man Angaben über eine weit aus geringerere Spanne von 8-12 ˚C. Orientierung sollte hier die Natur liefern. In Florida sind selbst im Winter extreme Temperaturschwankungen von bis zu 25-30 ˚C tagsüber und 3-4 ˚C nachts möglich. Die wildlebenden Kornnattern überleben diese Schwankungen in der Natur unbeschadet. In der kontrollierten Überwinterung sollten sicherheitshalber große Temperaturschwankungen vermieden und möglichst konstante Werte angestrebt werden. Es sollte Berücksichtigt werden, dass in unseren Breitengraden die Jahresdurchschnittstemperatur wesentlich geringer ist als in Florida. Nimmt man einen Mittelwert aus den Angaben der einschlägigen Literatur, dann sollte, um eine deutliche Absenkung zu erreichen, Temperaturen knapp unter 10 ˚C angestrebt werden. Ein natürlicher Tag- und Nachtrythmus ist aber statthaft. Frost bzw. Temperaturen unter 5 ˚C sind hingegen für eine Kornnatter tödlich!

Es ist also ein geeigneter Ort zu suchen, der diese Klimadaten sicherstellt. Steht das Terrarium in der beheizten Wohnung, was regelmäßig der Fall ist, scheidet eine Überwinterung im Terrarium aus. Die Schlange ist daher in eine lichtdichte Box mit ausreichend Luftlöchern zu setzen und an einen anderen Ort zu bringen. Die Box braucht dazu nicht überdimensional Groß sein, bei einer ordnungsgemäßen Überwinterung ist der Aktionsradius minimal. Den Boden der Box mit ca. 5 cm Bodengrund, vorzugsweise dämmendes Kleintierstreu oder Altromin, bedecken. Um die Temperaturschwankungen etwas abzufangen, wird über den Bodengrund eine dicke Laubschicht gelegt. Nicht vergessen, eine Wasserschale mit in die Box zu geben. Da Kornnattern, wie bereits weiter oben dargestellt, auch in der Winterruhe regelmäßig trinken müssen.

Nun ist ein geeigneter Ort zu suchen. Am kühlsten ist es meistens im Keller oder Schlafzimmer. Die Garage eignet sich auch, sofern dort keine Temperaturen unter 5 ˚C erreicht werden können. Bei einer am Haus angeschlossenen Garage ist dies aber meist nicht der Fall. Alternativ kann man auch einen eigens hierfür eingerichteten Kühlschrank einsetzen. Lebensmittel werden bei deutlich geringeren Temperaturen gelagert. Außerdem sollte schon aus hygienischen Gesichtspunkten die Kornnatter nicht zu Lebensmitteln gelegt werden. Wichtig ist, dass dieser die Temperatur konstant hält und nicht zu sehr abkühlt, also zuverlässig regelbar ist. Der Kühlschrank ist ordentlich zu desinfizieren. Es gibt verschiedene ?Kühlschrankkeime?, die für Kornnattern schädlich sind. Ein Wasserwechsel sollte mindestens einmal wöchentlich erfolgen, dabei wird auch gleichzeitig die Luft im Kühlschrank aufgefrischt. Je mehr Schlangen im Kühlschrank liegen, desto öfters sollte die Luft aufgefrischt werden. Alle 2-3 Tage die Tür für 5 Minuten öffnen sollte genügen.

Beenden der Winterruhe

Hat man sich für eine kalte Winterruhe entschieden, endet diese nach ca. 3 Monaten. Also im Regelfall Ende Februar bis Mitte März. Man sollte die Beendigung so planen, dass Ende März wieder normale Bedingungen herrschen und mit einem normalen Fütterungsrhythmus fortgesetzt werden kann.

Die Temperatur wird dazu einige Wochen vorher langsam erhöht. Nach einigen Tagen kann die Beleuchtung wieder eingeschaltet werden. Anfangs mit kurzen Besonnungszeiten, im Zeitverlauf dann auf normale Zeiten anwachsend. Wurde das Tier in einer Box außerhalb des Terrariums überwintert, sollte die Box in das Terrarium gestellt werden. Das Licht sollte in diesem Fall noch einige Tage länger ausgeschaltet bleiben.

Sind die Temperatursprünge zwischen Überwinterungsort und Terrarium zu groß, sollte man die Box erst 1-2 Tage in andere, kühlere Räume stellen. So erreicht man eine stufenweise Erwärmung.

Sobald die Temperatur über 20 ˚C  steigt, zeigt die Schlange wieder ihre typische Lebhaftigkeit. Ein erneuter Kälteeinbruch sollte in jedem Fall vermieden werden.

 

Verkürzte "warme" Überwinterrung

Ist es nicht möglich, den Tieren eine normale Winterruhe zu ermöglichen, sollte man zumindest eine kürzere Winterpause einlegen. Dazu verbleiben die Tiere in Ihrem Terrarium. Die Temperatur wird über 3-4 Wochen auf 16-18 ˚C heruntergefahren. Die gesamte Winterruhe dauert dann mit Ein- und Ausleitphase maximal 6 Wochen.

Die Tiere werden bei diesen Temperaturen deutlich aktiver bleiben und der Stoffwechsel weniger herabgesetzt werden als bei einer kalten Überwinterung. Sie verlieren daher auch verhältnismäßig schneller an Substanz. Der Zeitraum einer warmen Überwinterung fällt daher deutlich kürzer als bei einer kalten Überwinterung aus.

 

Einzug der Technik

Da Terraristik mittlerweile ein wirtschaftliches Geschäft geworden ist, kommen immer mehr technische Apparaturen auf den Markt. So ist es mittlerweile möglich, nicht nur einen Sommer/Winter Rhythmus mittels einer ?von Hand? eingeleitete Winterruhe darzustellen, sondern einen gesamten Jahressrhythmus zu programmieren. So simulieren Mess- und Steuergeräte alle vier Winter, Frühling, Sommer und Herbst über Temperatur und Beleuchtungsdauer. Selbst Dämmerung und Sonnenuntergang sind mittels zeitlich geschalteten Dimmern möglich. Für nächtliches Mondlicht können dann noch bläuliche Dioden sorgen und eine Beregnungsanlage ist für die Luftfeuchtigkeit zuständig. In wie fern diese Investition den Kornnattern zu gute kommt, vermag wohl niemand zu beurteilen. Vielmehr dient es wahrscheinlich der persönlichen Affinität des Halters, der Kornnatter ein möglichst natürliches Habitat zu bieten. Schlecht ist es für das Tier auf jeden Fall nicht. Im Kleinen, ohne Jahreszeitrhythmus, sind derartige Messapparate aber hervorragend geeignet, die Temperatur zu kontrollieren und regulieren. Gerade bei sensibleren Schlangenarten als die Kornnatter, lohnt sich der Einsatz von Technik in jedem Fall. Schließlich bleibt es aber doch jedem selber überlassen, wie viel er in das Terrarium und die Technik investiert.

 

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